Blog posts   << Previous post | Next post >>
One Architecture (Matthijs Bouw and Joost Meuwissen), competition entry for a childern“s day care centre, schools, and sports facilities, at Pichling Solar City near Linz, 1998, model.

Post

Posted 14 Dec 2010

Joost Meuwissen, Review von Isa Stein, Der Versuch einer authentischen Betrachtung des sozialen Wohnbaus an zwei Beispielen von Roland Rainer (Graz: Dissertation, 2010).

Gartenstädte

Joost Meuwissen

Das Hauptthema der Dissertation ist im 5. Kapitel ein normativer Vergleich zweier Gartenstädte (besser: Groβwohnviertel) in oder in der unmittelbaren Nähe von Linz, der Gartenstadt Puchenau I und II etwa der 1970er Jahre und dreiβig Jahre später der Solarcity in Pichling, beiden späteren Hauptwerke vom Architekten Roland Rainer und unmittelbaren Realisierungen dessen Gartenstadtidee, deren Herkunft und Thematik ausgedehnt und sehr präzise beschrieben werden. Da die im breitesten Sinne ökologische (gemeint wird auch die nutzungsökologische) Gedankenwelt Rainers sich ab Anfang der 1950er Jahre, zumindestens der Beschreibung in der Dissertation zufolge, nicht wesentlich fortentwickelt hat, wird der Unterschied zwischen Puchenau und Pichling vor Allem aus organisatorischen, eigentlich prozedurell-planerischen allgemeinen Änderungen in der dazwischenliegenden Zeit belegt. Leider ist der Bericht über die tatsächliche, detaillierte Planungsprozedur der Solarcity (S. 129-135) zu bündig und zu wenig empirisch, um die Frage zu beantworten, ob der zerstückelten Organisation der dort damaligen Bauvorbereitung – vergleichenderweise wird zum Beipsiel mehrmals betont, Puchenau wurde von einem einzelnen Bauträger, die Solarcity aber von zahlreichen Baugenossenschaften hergestellt – eine für das Projekt spezifische Umsetzung der inhaltlichen Breite Rainers Vision oder aber eine allgemein sich entwickelnde mit allen, einschlieβlich die rainerschen Aspekten, rechnende Planungsmethode, welche ich als Sicherheitsplanung andeuten würde, zugrunde geliegen hat. Daβ Pichling solcher Breite entlang organisiert wurde, hätte auch als Erfolg Rainers betrachtet werden können. Daβ dieser Erfolg dann miβlang, hätte folglich zu einer zeitgemäβeren Neubewertung Rainers Auffassungen führen können. In den vorangehenden 1. bis 4. Kapiteln werden zwar facettenartig bestehende Theorien in bezug auf das, was in einer früheren Arbeitstitel der Dissertation “das Menschliche (in) der Architektur” gehiessen hat, abgehandelt, eine Umsetzung in Richtung auf eine normative Planungstheorie, welche empirisch detailliert geprüft hätte, wie die Pichlinger Planungsorganisation auf einfache Weise auf eine tatsächliche Verwirklichung der dort doch breit beabsichtigten Qualitäten hätte umgestellt werden können, was auch für andere, heutige wie zukünftige Wohungsbauplanungsprozeduren wichtig hätte werden können, wird nicht vollzogen. Diesbezüglich theoretisch belegte, auch vergleichende Fallstudien, wie Andreas Faludis namhafte Leiden-Oxford-Forschung, welche den Vergleich Puchenau-Solarcity von der Methode der jeweiligen empirischen Forschung her hätte vertiefen können, werden weder inhaltlich noch im Literaturverzeichnis in Betracht gezogen. Fast ausnahmslos sind die punktuell, auch aber sehr punktmässig erwähnten Bewertungskriterien von Christian Schittlich, Klaus-Dieter Weiβ und Eberhart Wurst (S. 96-99) objekt- und nicht prozessbezogen. Da sie aber nicht systematisch angewandt werden, bleibt auch dann die Frage übrig, warum keine empirisch präziseren Evaluieringsmittel wie das 2001 von Marlis Nograsek in ihrer Dissertation Wohnwert. Werturteile im Vergleich an ausgewählten Wohnanlagen in Graz beschriebene Schweizer Wohnungsbewertungssystem sowie das von ihr verbessertes Bewertungssystem benutzt worden sind.
Bleibt der gute Architekt in einer schlimm gewordenen Umgebung. Daβ es auch schlimme ArchitektInnen gibt, modisch als “Archistars” angedeutet, die auch in einer guten Umgebung noch mangelhaft funktioniert hätten, wird zwar unterstellt, nicht aber belegt (S. 54). Mit Ausnahme einer kurzen Abhandlung der normativ-theoretischen Aufstellungen von Giorgio Grassi wird die gesamte stattfindende Diskussion über die Rolle und Aufgabe der ArchitektInnen in den heutigen Immobilien- und Bauverfahren übersprungen, wobei dazu vom ersteren auch nur die spätere normative Zusammenfassung im Kurzaufsatz ´Tessenow zum Beispiel´ erwähnt wird (S. 44-46), kaum aber aus Grassis früheren Aufsatz ´Architektur als Metier´, das in der Reihe sein theoretisches Hauptwerk La costruzione logica dell´architettura systematisiert hat, die theoretische Darstellung Tessenows Metier als Methode abgehandelt wird, mit welchem ein handwerklicher Architekt wie Roland Rainer auch in einem schlimmeren Umfeld gute Ergebnisse abwägen hätte können. Die Architekturtheorie ist aber kein Hauptziel der Dissertation, welche sowohl im breiten theoretischen Spektrum der heutigen architektonischen Denkwelt wie im bündigen, aber ausgezeichneten Vergleich zweier Gartenstädte und ihre Entstehungsänderung über die Zeit, einen wertvollen Beitrag zum Fachbereich bildet.


Tags for this post:
garden city
housing
urbanism

0 comment(s)
Blog posts   << Previous post | Next post >>