Joost Meuwissen, ´Die Bibliothek als städtische Erscheinung´, Büchereiperspektiven 01/04 (Wien: Büchereiverband Österreichs, 2004), 26-30.
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Die Bibliothek als städtische Erscheinung
Joost Meuwissen
Aus technisch-klimatologischen und inneren Sicherheitsgründen sind Bibliothekbauten prinzipiell geschlossene Schachtel mit einem einzigen kontrollierten Eingang. Wie sehr ihre Architekten auch versuchen um ihren Bau durch Ein- und Auskragungen lebendig zu gestalten oder, im Falle gröβerer Bauten, über den Eingangsbereich oder die Dachgestaltung eine gewisse Monumentalität zu erreichen, tragen diese Bauten doch von sich aus – als Gebäude – wenig an der Bereicherung ihrer Umgebung bei. Bis vor Kurzem wurden bald aus Planungs- bald aus Verwaltungsgründen dezentralisierte, kleinere, viertelorientierte Bibliothekbauten mit anderen kulturellen Funktionen zu Kultur- und Gemeindezentren zusammengelegt, wobei die eigentliche Bibliothek in der Umgebung nicht mehr zu einem eigenständigen Ausdruck gelang. Sie wurde wie eine soziale Versorgungseinheit aufgefasst wie jede andere. Sowie in den Gemeindezentren eine etwaige Ausstrahlung der einzelnen Sakralräume der dort gesammelten Kirchen im Aussenraum zugunsten eines unklaren allgemeinen gesellschaftlichen Wertes erblasste, so verschwand die Bibliothek aus ihrer Umgebung.
Dies hat weniger mit der Bibliothekfunktion an sich zu tun als mit einer allgemeinen raumplanerischen Gewohnheit, um im Entwurf eines neuen Wohnviertels die Berechnung der Realisierungsmöglichkeit der zu wiederholenden Funktionen, wie Wohnungen, Erschlieβungsstraβen, Parkplätze oder Freiräume, welche den ganzen Bereich einheitlich durchziehen, den praktischen Vorzug zu geben vor einmaligen Funktionen wie den Kirchen, der Bibliothek, den Laden, dem Sportzentrum oder sogar den Bäumen. Die Frage, ob und wie das Besondere sich aus der regelmäβigen Wiederholung der nichtbesonderen Funktionen her differenziert, wird dabei auf theoretische Ebene nicht, auf praktische Ebene kaum gestellt. Die besondere Funktionen werden als Gemeinschaftliches meistens einfach implantiert. Bei den Dorfausdehnungen werden Letztere öfters im ursprünglichen Dorfbestand anwesend oder wünschenswert gedacht, sodaβ sie in das neue Viertel gar nicht hineingeplant zu werden brauchen. Solches Viertel schmarotzt, öfters sogar schon was den Erschlieβungsstraβen angeht, aufgrund des bereits Bestehenden, wobei übrigens die dörfliche Bausubstanz eher dazu geeignet ist, solche Funktionen wie eine Bibliothek als einen eigenständigen und selbständigen, daher erkennbaren Neubau aufzunehmen. In den gröβeren städtischen Ausdehnungen dagegen, welche für die Entwicklung derselben eher wie autonome, wenn nicht autarke Gemeinschaften aufgefasst sind, werden wie erwähnt die verschiedenen Gemeinschaftsfunktionen deshalb zusammengelegt, weil die eigentliche und zu berechnende Wohnungsstruktur zur Aufnahme solcher Ausnahmen innerhalb dieser Struktur nicht sehr geeignet ist und statt zersplittert an Teilen solcher Struktur angehängt zu werden, eine einzige einmalige einheitliche und konzentrierte Gemeinschaftserscheinung unmittelbar das Viertel als Ganzes bedienen werde.
Diese relative Abwesenheit der Bibliothekbauten als möglicherweise spezifiziertes städtebauliches Merkstein in der Stadt führt zurück auf die Geschichte der städtischen Erscheinung der Bibliothek in Europa, zu der ich zwei allgemeine Vermutungen für die weitere Forschung derer städtbaulichen Einbindung nach vorne bringen möchte.
Die erste Unterstellung betrifft die im Durchschnitt sekundäre oder Seitenlage der Bibliotheken in der Stadt, welche die Geschichte hindurch überall beobachtet werden kann und die ich am Beispiel der Universitätsbibliothek in Helsinki erörtern möchte. Eine weitere Hypothese hat dann mit jener ersten insofern zu tun, daβ ein ebenfalls zu beobachtendes Fehlen einer eigenständigen Ikonographie – eines fixen und spezifischen Erscheinungsbildes innerhalb des jeweiligen Archi-
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tekturvokabulars – zugunsten eines von jedem gesellschaftlichen Inhalt enthobenen natürlichen Bildes – einer Darstellung der Bibliotheksinstitution als Naturwunder – auch dazu führt, daβ solcher Bau in der Stadt eigentlich an jeder Stelle, das heiβt aber auch an einer unwichtigen Stelle, als vereinzeltes Freikörper realisiert werden kann.
Die Universitätsbibliothek von Helsinki
Die vom Architekten Carl Ludwig Engel gebauten Universitätsbibliothek wurde im Rahmen der vom gleichen Architekten durchgeführten städtebaulichen Planung der, was öfters genannt wird: Stadtkrone von Helsinki in den zwanziger und dreiβiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts verwirklicht. Die Bibliothek liegt nicht am Hauptplatz. Sie liegt daneben, an der Seitenstraβe. Die Universität, links im Bild, liegt am Hauptplatz. Die Kirche, rechts im Bild, liegt auf einem höheren Plateau ebenfalls zentralsymmetrisch am Hautplatz. Die Bibliothek aber liegt jedoch auch nicht an dem höher geliegenen Kirchenplatz, sondern darunter oder dahinten. Ihr Gebäude versenkt ein Wenig hinter der Hauptenszenierung dieses städtischen Ensemble. Ihre unterdrückte Kuppel ist, auch innerhalb der klassischen Formensprache, ziemlich anonym und allseitig gestaltet, wodurch das Gebäude eher wie ein maβstabsloser Punkt als wie ein Gebäude mit Fläche und damit korrespondierender städtischer Ausdehnung erscheint. Sie ist ein malerischer Punkt innerhalb des Gesamtensemble. An sich hat die Bibliothek weder Platz noch Vorplatz. Im Grundriβ aus vermutlich 1836 ist sie gar nicht gezeichnet worden. An der Ostseite – rechts im Plan – ist angedeutet worden, daβ eine monumentale Einschränkung des Kirchenplateaus zu den Möglichkeiten gehörte. Links aber, an der Westseite, ist diese Möglichkeit mit Bezug auf das nicht gezeichnete Bibliothekgebäude nicht genützt worden. Dieser Plangrundriβ wurde von Carl Ludwig Engel gemacht um die damalige in der Wandleiste des Kirchenplateaus versunkene Hauptwache durch die heutige breite, groβzügige Treppenanlage zu ersetzen. Ein Steindruck vom Lithographen Tengström 1837 zeigt den Platz mit der Hauptwache unter der Kirche, als die Universität – links – und die Bibliothek – Mitte – überigens noch im Bau waren. Die konstruierte Perspektive ist etwas erhöht über den Platz hinweg gedacht worden, damit vermutlich die Bibliothekfassade noch eine flankierende Vertikalfläche zum Platz bilden würde. Mit der neuen Anlage – hier im Steindruck 1859 vom Lithographen Liewendal – wurde der Reiz des Platzes zwar taktil intensiviert durch die beiden neuen Glockenhäuschen – wirklich Aediculae, architektonisch betrachtet – an den vorderen Ecken des Kirchenplateaus, in der Perspektive verschmelzt die Bibliothek nun aber mit dem Glockenhäuschen zu einer fast unbestimmten Kontur. Geht man am Platz um den Sockel des Glockenhäuschens herum, liegt die Bibliothek einfach um die Ecke. Dort ist sie aber in der Reihe nur ein Zwischenglied in der Kette öffentlicher Bauten entlang der Unionsstraβe: Universität, Bibliothek, ehemaliger Kantonnistenschule.
Durch die Neigung des Geländes zeigt die Bibliothek nicht wie die Universität der klassische Aufbau aus drei Teilen. Es fehlt den Sockelgeschoβ und somit steht ihre Säulenordnung fast unmittelbar auf dem Boden. Der oberste Teil ist lediglich eine fast undekorierte Extrudierung des einfachen Bauvolums, mit nur an den Ecken des kleinen mittleren Vorsprungs zwei kaum architektonische, eher plakative heraldische Verzierungen, welche die grundsätzliche Ornamentlosigkeit dieses oberen Teils der Fassade eher benachdrücken. Mithin erscheint das Gebäude zwar in der gleichen klassizistischen Sprache wie alle andere Bauten am Platz, zugleich aber ist es innerhalb dieser Sprache wie ein Pavilion im Park auf das Notwendigste, eigentlich auf den Ausdruck eines einzelnen Geschoβes, reduziert. Wie die Kuppel, akzentuiert die Riesensäulenordnung, welche einheitlich wie eine Verpackung um das Gebäude herumläuft, die allseitige Einheit jenes irgendwo niederzulassenden Punktbaus, wobei die Riesenordnung auch nicht hoch genug ist, um das ganze Bauvolumen tektonisch bestimmen zu können. Die Charakterisierung dieses schönen Baus ist auf diese Weise schon innerhalb der gebrauchten Formensprache eher ein reiner maβstabsloser Volumausdruck als der einer völlig durchgearbeiteten tektonischen Gliederung.
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Zu sagen, diese Bibliothek sei eigentlich ein dekoriertes Bücherregal statt das öffentliche Gebäude, dem sie ähnlich sehen möchte, würde aber viel zu weit gehen. Trotzdem könnte der Grund ihrer reduzierten Architektonik auch ein Wenig mit einer Unsicherheit um ihren Inhalt, die Bücher und vor Allem in der Reihe deren Inhalt, angesichts der russischen Staatsgewalt ab 1808 über Finland zu tun gehabt haben. In dem Sinne ist es bemerkenswert, da im Allgemeinen damals davon ausgegangen wurde, für bürgerlich-öffentliche Bauten wie ein Museum oder eine Universität sei eine Ionische Säulenordnung am meisten geeignet, wie nur das Universitätsgebäude am Platz eine solche Ordnung im Mittelrisalith aufzeigt, während die Bibliothek wie jeder Staatsgewaltbau am Platz korynthisch ist. Nachdem der Lesesaal im Inneren des gegenüber der Universität am Platz geliegenen sogenannten Senatsgebäudes doch wieder Ionisch ist, das heiβt bürgerlich-öffentlich, bleibt auffälligerweise doch die Bibliothek auch im Inneren so korynthisch wie die Kirche.
Die Stadtbibliothek von Stockholm
Reduzierter Stil auf der Suche einer bibliothekseigenen Semantik wird im Laufe der Zeit zu Darstellungen der Natur an und für sich führen, des maβstabslosen Himmelkuppels über die Landschaft oder des Universums. Natur statt Gesellschaft. Lesen als intensive Tätigkeit wird im Gesamtbild des Gebäudes intensiviert werden durch eine wenn auch ebenfalls reduzierten Darstellung des Erhabenen. So wurde allmählich der Inhalt der Bücher als ein potentiell Allesübersteigender genommen, nicht sosehr politisch bedrohlich innerhalb einer Gesellschaft, sondern bedrohend wie die rohe Natur, wie das Unbekannte, wobei die Geometrie nicht mehr für die Proportionierung des Baus, sondern an sich nur wie eine Darstellung einer platonischen Groβform als erhabener Beziehung zur Ferne des Weltalls konzipiert wurde. Die Bücher werden in der Reihe wie Teleskope in einem Planetarium aufgefasst. In der von Gunnar Asplund 1918 bis 1927 entworfenen berühmten Stockholmer Stadtbibliothek fehlt dementsprechend vom Aussen betrachtet die Kuppel über deren eigenen Riesenzylinder, welcher die Kuppel hätte tragen sollen und welcher den Lesesaal mit den Büchern herum steil terrassenartig in die Höhe gehend beinhaltet. Reiner Zylinder, reines Teleskop, reine Offenheit zum Himmel. Das tatsächlich geschlossene Dach dieses Zylinders bleibt vom Aussen her betrachtet versteckt. Derart fast ohne Oberseite hat der Zylinder als reine Anwesenheit eines platonischen Prinzips auch keine Unterseite, es sei denn der Lesesaal mit seinen Büchern, seinem und ihrem Inhalt. Unten wird er versteckt von einem Hang an der Rückseite und einen U-förmigen Baublock an der Vorderseite, welcher die übrigen Büchereifunktionen aufnimmt. Der Zylinder steigt unmerkbar aus der Erde auf. In seinem, was im Fachbereich heiβt: gestripptem Klassizismus derzeit, gestaltet der ihn versteckende Baublock die reduzierte Tektonik, welche im Zylinder in die Höhe aufgehoben und fast völlig abstrahiert wird.
Die Stadtbibliothek von Viipuri
Weniger stylistisch abstrahiert, eher naturalistisch, wurde in einer Skizze vom Architekten Alvar Aalto für die ebenfalls berühmte Stadtbibliothek 1927 bis1935 in Viipuri, Karelien, die Idee der Bibliothek wie eine wirkliche Landschaft mit einem Hügel unter einem Himmel mit einer bereits sich in Richtung der vielen verschiedenen zu lesenden Bücher differenzierenden oder sich wiederholenden Sonne dargestellt. Jedem Buch die eigene Sonne. (Ich hätte diesen Vortrag auch “nördliche Bibliotheken” nennen können, weil es dort öfters so dunkel ist, daβ man nur noch Bücher lesen kann, wozu man in der Reihe dann aber wieder Licht braucht.) Der Hügel ist kein Bücherberg, sondern eine Terrassenlandschaft, die sich in ihrer Aufgehobenheit zur Sonne für ein Lesen von Büchern eignet. Die realisierte Bibliothek ist genauso aufgebaut. Der Lesesaal entwickelt sich terrassenförmig in der Höhe, wobei das umgekehrt terrassenförmig gefaltete Dach eine Vielfalt von regelmäβig verteilten kreisförmigen Oberlichtzylindern aufweist, welche dem Architekten zufolge das Licht egal zerstreuen, ich würde sagen wie die Sonne hinter vielen Wolken vielen Sonnen wird.
Auch hier ist das Gebäude nicht in irgendeiner Mitte, sondern fast zufällig oder rein empirisch situiert worden, wobei es mit Bezug auf die barocke Axialität der Parkanlage in Richtung der benachbarten Kirche eine Seitenlage einnimmt und der Eingang des Kinderbereiches an dieser Seite ein Wenig aus der dortigen Hauptquerachse der Parkanlage verschoben worden ist. Hält man diesen barocken Teil des Parkes mikrostädtebaulich betrachtet für den wichtigsten Raum, liegt der Haupteingang an der Rückseite. Als städtebauliche volumetrische Komposition hebt sich das Hauptvolum der Bücherei auf diese Weise malerisch ab gegen den Hintergrund des langen schmalen Körpers des Hörsaales (mit seiner berühmten akoustischen Wellendecke aus Holz), der durch seine Form die Orientierung verschafft, welche der eigentlichen Bücherei fehlt.
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Eine Französische Bibliothek für Paris
Für die Entwicklung der Ikonographie einer gröβeren Bibliothek bildet der Wettbewerbsentwurf, den Rem Koolhaas 1989 für die Bibliothèque de France in Paris gemacht hat, ein hervorragendes Beispiel. Das vorgeschlagene Gebäude ist ganz der Tradition des europäischen Bibliothekgebäudes verpflichtet. Es ist so wenig tektonisch oder architektonisch wie nur möglich, zugunsten einer naturbezogenen Ästhetik der einfachen Erhabenheit, diesmal aber nicht mehr, wie in Stockholm oder Viipuri der zwanziger Jahre noch, quasi unmittelbar auf eine transzendentale Unverständlichkeit der Himmelkuppel als unvermitteltes Naturerscheinen, sondern auf ein grundliegendes Erstaunen über die Einfachkeit der heutigen naturwissenschaftlichen Modelle derselben und des Universums bezogen.
War doch seit der Aufklärung in Frankreich die Natur eine Grundmetapher geblieben. Der preisträgende und später gebaute Wettbewerbsentwurf von Dominique Perrault hatte noch die alte, auf eine Idee der direkten Wahrnehmung der Naturerscheinungen durch Bilder gegründete Ästhetik gefolgt. Auf dem rechteckigen Riesengelände entlang der Seine hat er die Bibliothek als einen dieses Gelände völlig ausfüllenden Riesenbaublock mit den vielen dort gesammelten Nationalbüchereien als dessen vier Ecktürmen – direkte Bilder eines aufgeschlagenes Buch – aufgefasst. Somit entstand ein ebenfalls riesiger Innenhof, der mit einem Wald aus bereits völlig erwachsenen Bäumen ausgefüllt wurde, welche je für sich vereinzelt einem anderen französischen Wald entnommen wurden. Wie in Stockholm entsteht hier vom Innenhof aufwärts ein einfach erhabenes Naturbild, vom Wald hinauf über den virtuellen Freiluftinnenhof, der durch die Ecktürme umrahmt wird, bis zur Himmelkuppel, die von den Ecktürmen nur gestützt wird.
Dagegen meinte Rem Koolhaas, das Programm solcher Sammlung von Nationalbibliotheken wäre zu groβ, um mit Architektur zu einem noch erkennbares Gebäude führen zu können. Es könne nur unmittelbar urbanistisch erscheinen, als lägen die Bücher auf der Straβe, ohne Architektur. Sein Bibliothekentwurf ist ein einziges, groβes, undifferenziertes und auf dem groβen Grundstück auch ziemlich undifferenziert stehendes Bücherregal, wobei die inneren Vertikal- und Horizontalwege teilweise in den Regalstützen versenkt, die Lesesälen der verschiedenen Nationalbiliotheken und ihre unmittelbare Erschlieβung über Rolltreppen aber aus dem Bücherstapel ausgehöhlt worden sind. Wie eine Höhle haben sie somit kein architektonisch zu bestimmendes Oben und Unten. Eine der Lesesälen macht sogar einen Purzelbaum, wo der Boden Wand wird, dann Decke, dann wieder Wand und Boden. Es sind freie Formen, wie aufleuchtende Blasen oder Höhlen, innerhalb eines groβen bald transparenten bald massiven Würfels, der ihr die Möglichkeit zur Darstellung bietet.
Hingewiesen wurde auf Ähnlichkeiten, welche dieser Bibliothekentwurf mit naturwissenschaftlichen Modellen des Universums aufzeigt*. Schon im Grunde genommen, weil sie die Natur als Ganzes darstellen, können solche Modelle nicht naturalistisch sein. Sie werden mit Hilfe von Computer gemacht. In solchen Modellen, wie in Magazinen wie Scientific American abgebildet, gibt es meistens eine kubusförmige, transparente Repräsentation von Etwas, das sich am Besten als der Rahmen des Universums beschreiben läβt, innerhalb dessen Supercluster und Leeren bald muschelartige Strukturen und Faden bald zellenartige Muster mit kugelförmigen oder ovalen Leeren annehmen. Das Bild wird aus bald formlosem, nichtgeometrischem Material bald Leerraum gedacht, welcher letztere in der Reihe auch als Gegenstand betrachtet werden kann. Im Bibliothekentwurf ist die Fassade dementsprechend keine eigentliche Fassade, sondern ein Schnitt, mit dem das Gebäude einfach so halbtransparent nach Ausen aufhört wie es im Inneren gedacht worden ist. Eher als Raum in einem übergreifenden, gröβeren städtischen Raum ist das Gebäude wie eine Tiefe gemeint worden,
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aus welcher die schwebenden Lesesälen, welche eine im Bild von Aussen unbestimmte Distanz zur Fassade bewahren, tagsüber massiv, nachts wie beleuchtete Höhlen auftauchen. Das Schöne an diesem Entwurf ist dabei, daβ, um derart zu funktionieren, die Bücher als transparent aufgefasst worden sind, als würde man sie alle zugleich lesen.
Die Ortsbibliothek in Peckham, London
Aus dieser Erfahrung, ähnlich wie in den anderen Fällen unserer Geschichte, könnte die Folgerung gezogen werden, daβ ein Bibliothekbau offensichtlich einen Ausdruck der Transzendenz oder des Übersteigens verlangt hat. In der kleinen Bibliothek für das Peckhamviertel in London, 1999-2000 von William Alsop gebaut, wird der Bibliotheksaal mit Bücherei und Lesenden auf Stützen aufgehoben. Die schmalen, insgesamt scheibeförmigen, transparenten Untergeschosse dienen zur Erschlieβung und zu besonderen Funktionen. Manche Kritiker haben behauptet, daβ sich die Bibliothek aus ihrer Umgebung als etwas Besonderes abhebt, damit den Bewohnern des ziemlich armutigen Viertels eine Aussicht aus ihrem Elend nach Draussen, unter Anderem auf die Hochhäuser der Londoner Stadtmitte, gegönnt sein würde. Das ist aber nicht der Fall. Die Lesesaal ist aufgehoben, weil Bücher das nun einmal können.
Der Architekt selber hat die Aufhebung dadurch begründet, daβ die kleine Bibliothek eine Versorgung für Alle sein soll und aufgrunddessen sich an Ort und Stelle, wo sie realisiert werden würde, sich nicht mit dem umliegenden teils niedrigen und ein Wenig verkommenen Bestand mischen würde – weil sie für Alle da sein soll. Auch dieser Bau liegt tatsächlich an einer Seitenstelle, etwas zurückgeliegt vom wichtigen Kreuzpunkt der Peckhamer Hillstraβe und der Peckhamer Highstraβe mit seinen niedrigen historischen Bauten der Viertelmitte. Die Bibliothek geht keine Konkurrenz an mit dieser Architektur. Ihr Vorplatz unter den Stützen mischt sich aber mit dem fast formlosen öffentlichen Raum, der um den Kreuzpunkt herum und hinter ihm her zwischen den beiden sich kreuzenden Hauptstraβen einen Kurzschluβ für Fuβgänger herstellt, an dem neben der Bibliothek auch die zweite wichtige neue Versorgung des Viertels, das Sportzentrum, liegt. An der Hillstraβe liegt die Bibliothek mit ihrer fast blinden Seitenfassade zu einer Bushaltestelle. An der Highstraβe wird der formlose Platz durch einem schön gewölbten Baldakindach vom ständigen Autoverkehr getrennt. Der Platz steht offen für allen Arten von sozialen Veranstaltungen. Historisch betrachtet ist die Stelle auch wichtig, weil hier das Kanal aus dem Industriezeitalter endete.
Die kleine Bücherei hat Grundlektüre für alle Minoritäten, die sich in diesem Viertel gesammelt haben. Sie ist immer voll, immer ausgebucht.
Fuβnote
* Joost Meuwissen, 'Rem Koolhaas in Europe'. Übersetzt von John Rudge, Kunst & Museumjournaal, Volume 2, Number 3, 1990 (Amsterdam: Foundation Internationaal Kunst- en Museumtijdschrift, 1990), 44-49; Greg Lynn, ‘Probable Geometries: The Architecture of Writing in Bodies’, ANY, May/June 1993 Vol. 1, No. 0 (New York, NY: Anyone Corporation, 1993), 44-49.
Literatur
Nils Erik Wickberg, Carl Ludwig Engel. Übersetzt von Ferodoro Nikolowski (Helsinki: Finnisches Architekturmuseum, 1970).
Stuart Wrede, The Architecture of Erik Asplund (Cambridge, Mass.: The MIT Press, 1980).
Michael Spens, Viipuri Library 1927-1935 Alvar Aalto. Einführung von Ola Hansson (London: Academy Editions, 1994).
Rem Koolhaas und Bruce Mau, S.M.L.XL. Small, Medium, Large, Extra-Large. Herausgegeben von Jennifer Sigler (Rotterdam: 010 Publishers, 1995).
Kenneth Powell, Will Alsop 1990-2000 (London: Te Neues Pub Group, 2002).