Blog posts   << Previous post | Next post >>

Post

Posted 11 Nov 2003

Joost Meuwissen, Review von Franziska Klug, Raumtextur. Zur Erschlieβung von Räumlichkeiten (Graz: Dissertation, 2003).

 

Die Landschaft

 

Joost Meuwissen

 

Die Dissertation befasst sich mit der Landschaft und enthält im ersten Teil eine ausführliche Auseinandersetzung bzw. Analyse verschiedener niederländischen Landschaftsfragmente wie auch Landschafsprojekte, welche im Rahmen der Landschaftsarchitektur verwirklicht worden sind oder noch werden. Dies aufgrund einer an der Technischen Universität Delft von Clemens Steenbergen ermöglichten und betreuten Forschung an Ort und Stelle. Als Rahmen der teilweise auch rein empirischen Beobachtungen und zu deren Orientierung innerhalb der Analyse wird in einem zweiten Teil eine methodische Begründung herangezogen. Damit entsteht eine Dissertation, welche sowohl empirisch wie methodisch im Aufbau vorbildlich, im Ablauf konsistent genannt werden kann.

Die Übersicht der Landschaftsfragmente enthält makellose analytische Beschreibungen, welche sehr klar, teilweise auch lustig, dargestellt worden sind. Die Übersicht über die Projekte umfasst solche aus sowohl der konzeptuellen wie aus der technischen Richtung der jüngeren holländischen Landschaftsarchitektur – vom West 8 bis Harm Veenenbos – fast völlig von der im Lande einzigartigen Studienrichtung Landschaftsarchitektur an der Landwirtschaftlichen Universität Wageningen geprägt. Andersartige Landschaftseinrichtungen, welche es auch gibt, zum Beispiel was dort Boskoop heiβt, oder neulich die Tendenz zur Naturentwicklung, werden kaum thematisiert. Die Projektübersicht könnte deshalb, was im Allgemeinen die heutige Landschaftspflege im Lande betrifft, einseitig genannt werden, wenn auch ausdrücklich das Vorhaben nicht gewesen ist, um eine Gesamtübersicht zu geben. Somit folgt die Dissertation das in den Medien vorherrschende Bild, das fast ausschlieβlich von was ich die Wageningenschule nennen würde, geprägt worden ist. Nun könnte es dadurch belegt werden, daβ “Landschaftsarchitektur” im engeren Sinne nun einmal eine Wageninger Erfindung gewesen ist. Die kulturelle Interesse in Landschaftsarchitektur hat sich von Wageningen aus ziemlich allgemein durchgesetzt. Daβ diese Landschaftsarchitektur in der Dissertation auch als sozusagen Kulturqualität thematisiert wird, ist denn auch konsistent. Im Literaturverzeichnis sind die meisten Publikationen aus dieser Richtung aufgenommen worden. Es fehlt eigentlich nur ein Standardwerk wie 1993 Gerrit Smienks Nederlandse landschapsarchitectuur. Tussen traditie en experiment.

Die Interesse für “das einzigartige Phänomen der [holländischen] Landschaftsarchitektur” sei auch dadurch entstanden, daβ dieser Begriff in Österreich nur zerstückelt vorhanden ist, in verschiedenen Fachbereichen aufgeteilt worden ist, sodaβ in Österreich eine “technische Perfektion des Gesamtinstruments Landschaft” heute nicht erreicht werden kann (S. 8, auch S. 87-93). Dabei muβ bemerkt werden, daβ Frau Klug sich vor einigen Jahren in einer (ebenfalls von mir betreuten) Diplomarbeit tiefgehend mit einer österreichischen Landschaft auseinandergesetzt hat und nicht umsonst der um die Neusiedler See herum, welche gewisse Ähnlichkeiten mit Holland aufzeigt.

Die fast euforische Charakterisierung der niederlandischen Landschaft(sarchitektur) im Vorwort der Dissertation (S. 7-9) wird vor Allem verständlich durch einige holistischen Formulierungen im theoretischen Teil sowie im Allgemeinen durch eine phänomenologische Wahrnehmungsauffassung. Holistisch wie auf S. 107: “Landschaft(er)forschung knüpft unmittelbar an die kosmischen Werte des Universums an und ist nicht zuletzt dadurch in der Lage, etwaige Implikationen umfassender und universeller innerhalb einer breiten kulturellen Tradition zu erfassen, als einzelne Wissenschaftszweige”, wobei das “Bemühen” ist, für alle Beteiligten, inklusiv diese einzelnen Wissenschaften, “die Grenze weiter hinaus zu schieben”, wenn auch “die Landschaft an sich nicht an erster Stelle des Wissens im herkömmlichen Sinne steht”. Wie sehr auch diese Bemerkung die zentrale Kategorie der Dissertation: die Raumtextur, vorwegnimmt, als sozusagen allgemeingültigste Fach- und Daseinsbeziehung, bleibt sie an sich doch etwas apodiktisch. Statt Colin Rowes phänomenologisches “Wesen des Ortes” (S. 134), sind mir solche Kategorien wissenschaftlich lieber, deren Konsequenzen unmittelbar verständlich, nachvollziehbar und ersichtlich sind im sowohl ästhetischen wie historischen Sinne, wie “der Horizont als Maβstab der zukünftigen Stadtlandschaft” (S. 65-68), weil letzterer, ohne daβ es erwähnt zu werden braucht, die Tradition der holländischen Landschaftsmalerei des siebzehnten Jahrhunderts miteinbeziehen hätte können, wie sie 1983 von Svetlana Alpers in The Art of Describing. Dutch Art in the Seventeenth Century beschrieben wurde: im Unterschied zur homogenen Narrativität, deshalb monotonen Ikonographie, im immergleich perspektivischen Raumdarstellung der italienischen Malerei derzeit, habe die fast nicht-perspektivische, fast kartographische Raumauffassung in Holland eine Vielfalt von Erzählungen im einem Bild ermöglicht, welche Raumauffassung, wie verschiedene Autoren betont haben, die niederländische Landschaft als nationale Kategorie und öffentlich definierte Erscheinung erst hat entstehen lassen: eine so richtige Raumtextur von damals schon!  

Die phänomenologische bald holistische Vorgehensweise trägt aber auch die Gefahr in sich, daβ die Landschaft(sarchitektur) als Auseinandersetzung mit natürlichen Elementen und eine Wahrnehmung, welche natürliche Elemente wie Wolken (S. 7) oder in einem Zitat wie “Der Ursprung aber ist das Wasser” (S. 19) als eine Art synästhetischer Grundlage der Sprache – ich würde fast sagen: über die Sprache – und der psychischen sowie gesellschaftlichen Auseinandersetzung betrachtet, die Instanzen werden, welche die Grenzen zwischen Landschaft, Natur und Gesellschaft zwar auf poetische Weise, dennoch aber in dem Sinne aufheben, daβ die derart aufgefasste Landschaft als reines “Gestaltungsfeld” einfach zur Verfügbarkeit reduziert wird. Die “gemachte” Landschaft soll meiner Meinung nach aber eben, nicht aufgrunddessen, daβ sie lediglich gemacht worden ist, sondern als historische Struktur, das heiβt eher nicht als Freiraum, der nur dazu dient, um Gestaltungsfeld zu werden, aufgefasst werden: “Der Freiraum der Landschaft muss als eigentliches Gestaltungsfeld gesehen werden, in dem mittels Landschaftsarchitektur bzw. Landschaftsplanung eine räumliche Organisationsbasis geschaffen werden soll. Das eigentliche Potential liegt dabei in der Landschaft und ihren gesellschaftlichen Implikationen. Demnach geht es also darum, das ausbaufähige Netz übergangener und unterentwickelter Relationen zwischen Natur und

Gesellschaft in der Landschaft aufzudecken” (S. 18). So betrachtet droht meiner Meinung nach ein Beleg geschaffen werden zu können für die sogenannte Naturentwicklung, welche im Lande nicht nur gefährdete historische gefrgehistorische Landschaften, gesamte Horizonten und Ausblicksmöglichkeiten, sondern auch gar nicht gefährdete, einzigartige und unersetzbare ökologische Nischen zerstört. In der Dissertation wird leider kaum angedeutet, wie eine zu gestaltende Landschaft auch falsch gestaltet werden kann. Wie konsequent auch in beschriebener methodischer Hinsicht, fehlt doch in der Anwendung die Normativität, welche der theoretischen Ansatz als Ganzes zuviel hat. 

Im Allgemeinen aber könnte die Dissertation sehr dazu beitragen, daβ die bis jetzt eigentlich immer sehr technischen, wenig ästhetischen und kaum theoretischen Darstellungen der niederländischen Landschaftsarchitektur von einem Anspruch auf Erweiterung durch Explizitierung ihres Diskurses belebt wird.

 


Tags for this post:
landscape

0 comment(s)
Blog posts   << Previous post | Next post >>